Logo   Faschingsträume im Fundus
 
Im Fernsehfundus werden Faschingsträume wahr
Ob Schottenrock oder Rokokokleid: Tausende Kostüme und Requisiten warten in Adlershof auf wandlungsfreudige Besucher
 
Bild I Die junge Frau wollte eigentlich als Marylin Monroe zum Fasching gehen: im schicken, tiefausgeschnittenen Kleid mit passender Perücke. Aber dann kommt alles ganz anders. Statt einer Marylin verläßt ein Charlie Chaplin den Requisiten- und Kostümfundus in der MediaCity Adlershof. Fast zwei Stunden hatte sie die Kellerräume an der Rudower Chaussee 3 durchstöbert, wo auf einer Fläche von über 3.000 Quadratmetern 35.000 Kostüme und Accessoires aller Stilepochen lagern: von Uniformen, Kleidern über Alltags- und Abendgarderobe bis hin zum Faschings-Look. "Diese in den vergangenen 46 Jahren entstandene Sammlung ist einzigartig", sagt die Leiterin der MedienFabrik Adlershof GmbH, Margret Schultes.
Zu DDR-Zeiten diente der Fundus vorwiegend dem Fernsehfunk, der damit seine eigenen Filmproduktionen - das waren jährlich bis zu 450 Stück - ausstattete. Aber auch die Ausstatter der DEFA oder des Festumzuges zur 750-Jahr-Feier Berlins bedienten sich dort. Seit der Wende dürfen nun auch Privatkunden in den Kellergewölben nach dem passenden Kleidungsstück oder einem Requisit suchen. Bild II
Bild III "Viele kommen mit ganz konkreten Vorstellungen hierher", sagt Rainer Henkel, der seit nunmehr 23 Jahren für seine Kunden das Passende findet. Am liebsten sind ihm aber diejenigen, die Lust am Ausprobieren haben - wie Steffen Sodtke aus Köpenick. Seit einer Stunde schlüpft er schon von einem Kostüm ins andere. Er streift eine historische Uniform über, zieht sie dann aber doch wieder aus. "Zu warm", sagt der junge Mann und steigt kurzentschlossen in einen Schottenrock. Fundus-Mitarbeiterin Iris Hoffmann überredet ihn dann noch zu einer langhaarigen Perücke samt Mütze. "So gehe ich zum Fasching", sagt Sodtke.
Manchmal kämen auch Leute, erzählt Henkel, die wollen unbedingt ein Kleidungsstück ausleihen, was irgendwann mal ein Schauspieler oder Prominenter trug. Natürlich kann er damit dienen - und greift nach einer bunten Kittelschürze und dem dazugehörigen Kopftuch, das zu "Traudel Schulze" gehörte, einer von der Entertainerin Helga Hahnemann gespielten Putzfrau. Auch eine rot-braune Samtjacke befindet sich im Fundus, die jahrelang eine wichtige Rolle im DDR-Fernsehen spielte: Der Schauspieler Willi Schwabe trug sie in seiner "Rumpelkammer", in der Ausschnitte aus alten Ufa-Streifen gezeigt wurden. Bild IV
 
Tagesspiegel vom 13.02.1999