Logo   Festumzug in Zerbst
 
Herzog Chobry "von der Stange"
Ankleideprobe für die historischen Persönlichkeiten im großen Zerbster Festumzug
Berliner achten auf Detailtreue und Sitz

 
Bild XIX Im Jahre 1007, so die Chronik des Thietmar von Merseburg, zog der Polenherzog Boleslaw Chobry (967 - 1025) durch die befestigte Siedlung Zerbst. Im 4. Oktober anno 1998 wanderte Boleslaw Chobry erneut durch Zerbst. Er war eine der 258 Figuren des historischen Teils des Festumzuges anläßlich der 1050-Jahr-Feier der Stadt Zerbst.
21 Bilder beinhaltete diese höchst interessante Abteilung "Vom slawistischen Gau Ciervisti zur anhaltischen Stadt Zerbst". Von "Zerbst tritt in die Geschichte" bis zur "DDR- und Wendezeit" reichte die Darstellung der wechselvollen Entwicklung von Zerbst. Vorwiegend über die Vereine aus Zerbst "rekrutierten" sich die Darsteller der Zerbster geschichtsträchtigen Figuren. Und zählt man den modernen Teil des Festumzuges dazu, so waren es insgesamt 70 Bilder, die von über 1.100 Personen gestaltet wurden. Bild XX
Bild XXI Am Sonnabendvormittag vor dem Festumzug begann für die wichtigsten historischen Personen, respektive deren Darsteller, die heiße Phase: Kostümanprobe in der Zerbster Stadthalle. Vier Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Requisiten- und Kostümfundus der MediaCity in Berlin-Adlershof (dem ehemaligen Kostümfundus des Deutschen Fernsehfunks) kamen mit Gewändern und etwa zehn Körben verschiedener Accessoirs: Kopfbekleidungen aller Couleur, Schuhe, Schärpen, Waffen, Schmuck, Täschchen, Leibriemen...
Die Zerbster Organisatoren hatten vorgearbeitet. Den Berlinern, die nach wie vor Filme ausstatten, aber eben auch bei der Gestaltung von Festumzügen jahrzehntelange Erfahrungen haben, lagen die Namen der Figuren, die Einordnung in die geschichtliche Zeit und die Konfektionsgrößen der Darsteller vor. Im Fundus wurde vorausgesucht und zusammengestellt. Bild XXII
Bild XXIII Dann kam es zur Anprobe. Die Butterjungfer war zuerst dran. Das Kleid paßte sowohl in der Größe und traf auch den historischen Geschmack. Fertig. Dann ging es um besagten Polenherzog Boleslaw Chobry. Die beiden Kostümbildnerinnen brachten Stück für Stück und Darsteller Helmut Hehn "stieg" in die Gewänder. Noch das Schwert untergeschnallt, den Helm aufgestülpt, hier und da gab es noch Korrekturen, ansonsten paßte alles "wie von der Stange". "Die Schuhe sind wirklich angenehm bequem" so Hehne, der nach einem Blick in den Spiegel mit sich als Chobry zufrieden war. Für die Hehnes war der Festzug übrigens ein "Familienauftritt der Generationen". Helmut Hehne war besagter Polenherzog. Sohn Ronald kam von außerhalb nach Zerbst, um im Gefolge des Vaters als Militär mitzuziehen. Die Enkelkinder Katja und Jörg gehörten ebenfalls zum Gefolge. Und Helmut Hehnes Frau Margot war im Stadtchor auch dabei.
Es ging an diesem Sonnabendvormittag auch lustig zu in der Stadthalle, so wenn nach dem "Aussteigen aus den Zivilklamotten" das oft mühsame "Einzwängen" in die mitgebrachten Kostüme zu manch Verrenkungen und recht komischen "Zwischenansichten" führte. Die Zerbster Darsteller nahmen es locker und stellten sich der Tortur. Bild XXIV
Bild XXV "Das krieg ich schon hin", beruhigte die Kostümbildnerin, wenn etwas nicht sofort wie angegossen paßte. "Da wird die Naht rausgelassen oder etwas eingesetzt." Denn auf detailgetreue Darstellung legten sowohl die Zerbster Veranstalter, ebenso wie die Berliner Profis großen Wert.
Und großen materiellen Wert haben auch die Kostüme selbst. "Wenn ein solches Kostüm, wie zum Beispiel das des Fürsten Joachim Ernst heute neu hergestellt werden müßte, sind etwa 6.000 bis 8.000 Mark zu veranschlagen", erzählt die Kostümbildnerin. Auch der mitangereiste Maskenbildner hatte zu tun. Er schaute sich die einzelnen Gesichter an, nahm Messungen des Kopfumfanges vor, besprach sich mit den Darstellern, ob eventuell ein Bart zu wachsen lassen sei oder einer wegmüßte, oder welche maskenbildnerischen Veränderungen er unmittelbar vor dem Umzug noch vornehmen werde. Bild XXVI
Bild XXVII Zu jeder der Anproben nortierten sich die Berliner noch notwendige Arbeiten. Hier galt es vielleicht für Carl Wilhelm noch um ein bis zwei Nummern größere Schuhe zu finden. Für Joachim Ernst müßten die Ärmel erweitert werden. Für Vater und Sohn Fasch stimmten sich Kostümbildnerin und Maskenbildner über die Wahl der geeigneten Perücken ab. Am 3. und 4. Oktober war dann alles komplett. An diesen beiden Tagen war auch das "edle und gemeine Fußvolk" eingekleidet.
 
Antje Rohm, Zerbster Volksstimme vom 21.09.1998